Leseproben     Helly Chmel


"Unlängst woar’s ..."


Meine kleine Welt
Hochhäuser und Straßenschluchten
ist das, was einst die Menschen suchten,
doch Verkehr, schlechte Luft, Lärm auf den Straßen,
dazwischen auch noch Menschenmassen,
vertrieben mich aus der Stadt, wo ich geboren bin,
jetzt wohne ich am Rand von Wien.
Am Monte Kordon beim Halterbach,
der schon oft aus seinem Ufer brach,
zum reißenden Wildbach er dann mutiert,
bei Gewitter er seine Harmlosigkeit verliert.

Sein Rauschen wiegt mich dann in den Schlaf.

Mein Häuschen ist klein, doch bin ich Königin hier,
lebe symbiotisch mit Pflanzen und so manchem Tier,
mit Erdkröte Marcella und Murli, meinem Kätzchen,
auch für Fink und Meisen gibt’s Futterplätzchen,
Girlitz, Rotschwanz, Amsel und Raben
dürfen sich an meinen Herzkirschen laben.
Meine kleine Welt, am Rande der Stadt
ist ein Paradies, das nicht sobald einer hat.
Niemals würde ich tauschen 
auch nicht um Millionen.
Ich möchte nie in der Stadt 
in einem Hochhaus wohnen.

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Der Schönwettermann

Wir sind zwei sportliche agile Leute,
zumindest waren wir das bis heute,
doch habe ich mich leider verletzt,
das hat dem Ganzen ein Ende gesetzt.
Mit Skifahren ist es wahrscheinlich vorbei,
das ist uns beiden nicht einerlei.
Auch sonstiger Sport – wir werden seh’n –
kann in Zukunft vielleicht nur mehr eingeschränkt geh’n.

Wird mein Pendant, der sportliche Mann
es verstehen, dass ich manchmal nicht mithalten kann?
Als Schönwettermann hat er sich sehr bewährt,
ist als Tänzer bei den Damen immer begehrt.
Viele Berge haben wir gemeinsam erklommen,
er hat auf mich selten Rücksicht genommen.
Es war auch nicht nötig, ich war kräftig und stark,
voll Selbstsicherheit, Ausdauer, immer autark.

Diesen Unfall habe ich wissentlich provoziert,
ich ahnte im voraus, dass etwas passiert.
Hatte ein ungutes Gefühl, es war wie ein sechster Sinn,
doch weil ich nicht abergläubisch bin,
schob ich beiseite, die Vorahnung die mich beschlich,
das Ergebnis ist leider fürchterlich.

Mein Schönwettermann kocht jetzt für mich,
ist den ganzen Tag auf Trab, hat kaum Zeit für sich,
macht alles das, was ich sonst gemacht
und ist jetzt auch noch darauf bedacht,
ob die Musik mir gefällt, der Sessel bequem,
und ob mir auch sonst alles angenehm.
Jetzt bewährt er sich auch als Schlechtwettermann.
Wie schön, dass ich das über ihn sagen kann!


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