Leseproben     Marianne Wappelshammer

"Lebensmomente 1923 – 2010   in Kurzgeschichten"


Vorwort

„Schon wieder ein Mädchen!” Meine Großmutter brach in Tränen aus, als ich im Juli 1923 geboren wurde. Nach der üblichen Pflichtschule absolvierte ich, nicht gern, eine Hauswirtschaftsschule, dann durfte ich das Konservatorium in Wien 4 besuchen.
Von 1939 – 1946 lernte ich Klavier und später auch Harfe (auf Wunsch meiner Mama). Der Krieg und die Zeit nachher beendeten mein Studium. 1947 arbeitete ich in einer Spielwarenerzeugung. In dieser Zeit lernte ich meinen Mann kennen.
1953 bekam ich meine Tochter Elisabeth (Mag. Phil. und Geschichte), 1956 meine Tochter Christine (Dr. med. rur. Neuro. und Psych.). Inzwischen war ich selbständig und wurde bei der 50. Wiener Messe diplomiert. Ich erzeugte vor allem Puppen und Stofftiere. Ab 1960 war ich Betreuerin in einem Jugendzentrum in Wien 3. 1967 hatte ich dann mein Diplom als Kindererzieherin und Pflegerin.
Bis 1978 war ich leitende Kinderbetreuerin in verschiedenen Jugendzentren der Gemeinde Wien. Nach meiner Pensionierung begann ich, mich mit Lyrik zu beschäftigen. In der VHS Ottakring war ich Mitglied der AGA (Arbeitsgemeinschaft für Autorinnen).
Ich schreibe seit 1982 vor allem Kurzgeschichten und Lieder mit eigener Vertonung.

Veröffentlichungen: Kulturjahrbuch 1985, Ottakringer Lesebuch, im ORF in verschiedenen Zeitschriften,
1985 Medaille für Kunst und Kultur, 2007 Gedichtband „Frau sei stark”, POSS Verlag Wien.

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Lieber Vater

Für mich warst du sehr groß / sehr mächtig / ein großer mächtiger Soldat / mit Pistolen und Gewehren unter dem Bett / einer der alles wusste / alles konnte / viel, sehr viel besser war, als alle anderen / davon war ich überzeugt!
Ich war klein / blass / stumm / ängstlich / dumm und faul / ein ganz braves Kind. Für mich warst du wunderschön / ich liebte deinen Geruch / deine vielen Ideen und Phantasien / wir lachten, wenn du uns deine Märchen erzählt hast / ich liebte dein Gesicht / auch deine Hände / vor denen ich aber auch Angst hatte / obwohl sie nur meine beiden Schwestern geschlagen haben / das Warum war mir immer unverständlich / da war ich oft verzweifelt – und durfte keine der Schwestern trösten – so sehr ich es auch wollte!
Für mich warst du ständige, doch einengende Sicherheit / DAS   Familienoberhaupt / mit stets erhobenem Zeigefinger / demonstrierende Verachtung / gegen alles und andere / Deine gespaltene Meinung hörten wir immer wieder / er ist zwar ein Roter / ein Schwarzer / ein Jude / ein Tscheche / aber sonst ganz anständig!
Das Wort „Liebe" erzeugte steile Falten auf deiner Stirn, und „Küssen" musste, deiner verächtlichen Mimik nach zu schließen, etwas ganz Schreckliches sein. Gern denke ich an unsere Ferien / an das hügelige Land / den Wald / da durfte ich neben dir gehen / still nach ver- schiedenen Geräuschen horchen / still Tiere beobachten / still Beeren sammeln / das waren frohe, angstfreie Tage für mich /
Plötzlich hatte ich große Sehnsucht / nach unendlicher Freiheit / nach vielen Freunden / eigenen Freunden / die du nicht wegschicken konntest / nach „Wissen wollen" und „Tun dürfen" / weit, weit weg von dir / endlich Leben erleben / mich bewegen können / auf meine Fragen Antworten bekommen /
Dich, lieber Vater, erlebte ich eines Tages klein, unsicher und ängstlich. Nicht mehr so weit weg – sondern ganz neben mir! Das war mir neu!
Du hättest mich gebraucht! Du hast geweint! Da war ich ratlos und sehr verunsichert! Hatte ich doch einen neuen Weg eingeschlagen – der mir wichtig war und den ich jetzt gehen musste ...
Weit weg von deiner erbarmungslosen Härte und lieblosen Verachtung.
Bin ich jetzt der „ANSTÄNDIGE MENSCH" geworden, den du aus mir machen wolltest?
Durch Härte – wie du immer betont hast!

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Ende der Leseprobe